Rund ums Beet

Unser Giersch ist ein Hahnenfuß

Mit der korrekten Zuordnung von Objekt und Zeichen, sprich Namen, ist es so eine Sache. Ein ganzer Studienzweig (die Semiotik) beschäftigt sich mit diesem hoch komplexen Beziehungsgeflecht. Wir sehen etwas vor unserem realen oder auch nur geistigen Auge, übersetzen es in ein Wort (denkbar wäre auch ein Symbol) und können uns so einem Anderen mitteilen – soweit die Theorie. Praktisch muss bei uns irgendwo in diesem semiotischen Gewirr der geistige Kurzschluss mit dem Giersch passiert sein.

Die vier Plagen des Gärtners

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Weiße, doldenartige Blüten und gefiederte Blätter: Der Giersch ist in vielen Gärten eine Plage, aber nicht in unserem.

Eine Rekonstruktion: Es war Frühjahr als wir unseren Garten übernommen haben. Auf den Beeten grünte das, was man gemeinhin als Unkraut bezeichnet und wir machten uns beherzt ans Umgraben und Jäten. Schließlich wollten wir pünktlich zum Saisonstart mit dem Säen beginnen. Eine Pflanze, die wir gleich eimerweise aus der Erde holten, hatte handförmig gefiederte Blätter, bildete oberirdische und unterirdische Ausläufer und wurzelte bevorzugt in unmittelbarer Nachbarschaft der schon vorhandenen Nutzpflanzen. Einem Ratgeber für Garteneinsteiger hatte ich die Top-4 der Unkräuter entnommen: Platz 1 der Plagen gebührte demnach dem Giersch – einmal eingeschleppt, praktisch nicht mehr loszuwerden aufgrund seiner unterirdischen Triebe. Auf Platz 2 die Quecke – grasähnliche Pflanze mit fiesen unterirdischen Ausläufern (Rhizome), die immer wieder neu austreiben können. Platz 3 die Vogelmiere – wuchsfreudiges, flach wucherndes Kraut mit kleinen Blättchen. Und schließlich auf Platz 4 die Ackerwinde – rankende Triebe mit trichterförmigen Blüten, die andere Gartenpflanzen geradezu ersticken können.

Giersch ist das jedenfalls nicht

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Unsere Gartenplage Nr. 1: Die gelben Blüten des kriechenden Hahnenfuß.

Die Plätze 2 bis 4 konnten wir aufgrund der beschriebenen Merkmale für unser Unkrautproblem ausschließen. Blieb die Plage Nr. 1. Das passte ja schon mengenmäßig und damit hatte unser Unkraut endlich einen Namen. Fortan seufzten wir Sätze wie: Kaum hat man sich umgedreht, ist der Giersch schon wieder da. Oder: Wenn nur alles andere so gut wachsen würde wie der Giersch… Der Tipp einer Mitgärtnerin, dass man die jungen Blätter wenigstens für den Salat verwenden könne, erschien uns angesichts dieser Expansionswut nur ein schwacher Trost. Das wäre wohl ewig so weitergegangen, wenn ich nicht irgendwann mal in einem Gespräch die eigentlich ganz hübschen gelben Blüten des Giersch erwähnt hätte. „Ich weiß nicht, was in eurem Garten wächst, aber Giersch ist es jedenfalls nicht“, lautete die Einschätzung meines erfahrenen Gegenübers. Bei der anschließenden Recherche bin ich dann schnell auf den kriechenden Hahnenfuß gestoßen. Ein Blick auf die Abbildung genügte, um jeglichen Zweifel auszuräumen. In unserem internen Sprachgebrauch wird er wohl dennoch der Giersch bleiben. Zum Glück haben wir nie ausprobiert, die Blätter für den Salat zu verwenden – die vom Hahnenfuß sind nämlich giftig! Semiotik kann manchmal tückisch sein.

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2 Kommentare zu “Unser Giersch ist ein Hahnenfuß

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