Urbanes Gärtnern Was uns gefällt...

Schrebergarten versus Urban Gardening?

Ende April fand in der Geschwister-Scholl-Schule im Frankfurter Stadtteil Römerstadt eine Veranstaltung statt, deren Titel uns wie die Bienen zur Wildblumenwiese lockte: „Vom Schrebergarten zum Urban Gardening“. Dabei handelte es sich um die Auftaktveranstaltung zur Reihe Neue Lust am Grün von GartenRheinMain. Prominente Referentin war Christa Müller, die das Thema Urban Gardening in Deutschland bekannt gemacht hat. Des Weiteren gab Claudia Quirin einen Einblick in frühere historischen Gartenkonzepte des Frankfurter Architekten Ernst May. Den passenden politischen Rahmen lieferte die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig. Moderiert wurde die Veranstaltung von Heidrun Merk von der KulturRegion FrankfurtRheinMain (KRFM).

Interessiert hatte uns vor allem der Redebeitrag von Christa Müller. Die Soziologin forscht seit vielen Jahren über nachhaltige Lebensstile und hat mit dem 2011 erschienen Buch “Urban Gardening – Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt” mit zahlreichen Koautoren eine Art wissenschaftliche Bibel der deutschen Bewegung geschaffen. Der Sammelbegriff Urban Gardening umfasst sämtliche gärtnerischen Aktivitäten in der Stadt, die in kein herkömmliches Gartenschema passen. In Ihrem Vortrag skizzierte Müller die Hintergründe und Ziele der urbanen Bewegung, die in den New Yorker Kommunen der 1970er Jahre ihren Anfang genommen hatte.

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Christa Müller in Aktion

Für die Soziologin war es kein Zufall, dass diese Bewegung in den Städten einsetzte, da mittlerweile die meisten Menschen weltweit in urbaner Umgebung leben und sich dort neue Lebenskonzepte am schnellsten entwickeln. Laut Müller eröffnet Urban Gardening vor allem eine neue politische und kulturelle Dimension für die Gesellschaft. So begriffen die urbanen Gärtner die Welt als „Ort der Möglichkeiten und Fülle“ und nicht als Mangel. Gegensätze unserer Industriekultur, die Natur und Kultur sowie Stadt und Land trennt, würden für die neue Bewegung nicht mehr gelten, denn beides werde durch das urbane Gärtnern vereint. Als Beispiel nannte Müller den Prinzessinnengarten in Berlin, das deutsche Vorzeige- und Vorreiterprojekt des Urban Gardenings, wo kulturelle Events Teil des Konzepts sind.

Nomadisches Lebensgefühl
Etwas gewagt erschien uns die These, dass die neue Gartenbewegung ein „nomadisches Lebensgefühl“ bedient und gleichzeitig Unabhängigkeit von ökonomischen Zwängen schafft. Gemeint war damit wohl, dass durch das Anpflanzen in Kübeln, Kisten, Gabionen und anderen Behältern die neuen Gärten mobil sind und jederzeit an andere Stellen in der Stadt verlagert werden können. Laut Müller geht es den Machern aber vor allem darum, dem Konsumismus unserer Zeit und den überholten hierarchischen Strukturen etwas entgegenzusetzen. Ein Prinzip der urbanen Gärten seien daher Kooperation und Teilhabe. Verwirklicht werde dies auch durch die Schaffung von Nachbarschafts- und interkulturellen Gärten.

Weiteres wichtiges Ziel der Bewegung ist die Rückeroberung, Verwandlung und dadurch Aufwertung vernachlässigter Orte, wie bspw. brachliegende Grundstücke, aber auch die Verwendung von Dingen, die von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht würden. So werden auch einmal alte Tetrapacktüten zum Ziehen von Stecklingen und ausgediente Badewannen als Pflanzkübel benutzt. Dass Urban Gardening kein kurzlebiger Trend ist, zeigt sich daran, dass das Thema bereits seit 2010 im Fokus des Interesses von Medien, Öffentlichkeit und Politik steht. Die neue Gartenbewegung besitzt für die Soziologin aber auch eine politische Dimension, nämlich als „Widerstand mit feinerem Besteck“, der geschickt Bilder des veränderten öffentlichen Raums produziert. Müllers Forderung an die Kommunen war daher: Schafft grüne und partizipative Städte! Zum Abschluss ihres Vortrags stellte die Soziologin noch ihren neuen Bildband ‚Stadt der Communisten’ vor, der in Kürze erscheinen soll.

Bei der anschließenden leider etwas kurzen Fragerunde wurde vom Auditorium eingeworfen, dass auch traditionelle Kleingärten gerade in Frankfurt einen Anteil an der städtischen Gartenkultur besäßen. Für Müller haftete dieser Form des Gärtnerns aber eher altes Gedankengut an. Sie sah in Kleingärten weltabgewandte private Refugien ohne zwischenmenschlichen Austausch. Dem wurde erwidert, dass in den Kleingärten mittlerweile ein Generationswechsel stattgefunden habe. So seien die jüngeren Pächter mehr an gemeinsamen Aktionen interessiert und auch neuen Gartenkonzepten aufgeschlossen. Dieser Meinung konnten auch wir uns aus eigener Erfahrung anschließen.

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Pflanzentauschbörse auf dem Ginnheimer Kirchplatz

Auf in die Praxis
Zum Glück gab es neben so viel Theorie im Anschluss an die Vorträge auch praktische Anschauungen. Dazu gehörte neben der Besichtigung des Schulgratens der Geschwister-Scholl-Schule und des Ernst-May-Hauses in der Römerstadt auch ein neues Urban-Gardening-Projekt auf dem Ginnheimer Kirchplatz, das vom Stadtlabor unterstützt wird. Wir entschieden uns gleich, letzteres zu besuchen, denn dort fand an diesem Tag eine Pflanzen- und Samentauschbörse statt, wo wir uns gleich mit Stecklingen eindecken konnten. Auf dem beschaulichen Plätzchen waren überall Gabionen platziert, aus denen munter die ersten Pflänzchen sprossen. Überhaupt machte der Platz mit der sonntäglich entspannten Stimmung und dem regen Pflanzentausch eher einen dörflichen als großstädtischen Eindruck. Zu unserer Freude erhielten wir abschließend noch eine Führung auf dem neu angelegten Dachgarten des Gebäudes der jan&jan architektencooperation, die das Projekt auf dem Ginnheimer Kirchplatz mit organisiert und durchführt. Fazit: Die GartenRheinMain-Veranstaltung bot viel Informationsgehalt, bei der auch die Praxis nicht zu kurz kam.

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4 Kommentare zu “Schrebergarten versus Urban Gardening?

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