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Samen und alte Sorten

Alte Obst- und Gemüsesorten sind im Kommen – wir stellen sie vor

Nicht zuletzt seit der Diskussion um die geplante EU-Saatgutverordnung sind alte Obst- und Gemüsesorten wieder stärker ins Bewusstsein der interessierten Öffentlichkeit gelangt. Deren Anzahl sinkt seit Jahren dramatisch. Dabei sorgen alte Sorten nicht nur für geschmackliche Vielfalt, sie sind auch besonders widerstandsfähig und daher ideal für den Eigenanbau. In dieser Woche stellen wir einige alte Sorten vor und geben Tipps für den Anbau.

Äpfel aus der Region, darunter auch viele alte Sorten, auf dem Frankfurter Erzeugermarkt

Der Erzeugermarkt auf der Frankfurter Konstablerwache bietet eine Vielfalt an regionalen Apfelsorten.

Bei einem Spaziergang über den Erzeugermarkt auf der Frankfurter Konstablerwache am vergangenen Samstag konnten wir einige alte Obst- und Gemüsesorten entdecken. Da gab es „Purple Haze“, der violette Nachfahre der Ur-Karotte, seltene Kartoffel- sorten wie „Bamberger Hörnchen“ oder den „Rosa Tannenzapfen”. Wir sahen aber auch viele Apfelsorten, die man in den Supermarktregalen nicht finden würde. Diese bunte Vielfalt hat uns angeregt, über alte Sorten zu berichten, zumal wir in diesem Jahr selbst einige anbauen möchten. Doch was sind eigentlich „alte“ Sorten? Per Definition handelt es sich dabei um „Nutzpflanzen, deren Zulassung erloschen ist oder formal nie bestanden hat“. Überwacht wird dies vom Bundessortenamt (BSA), das sich um die Zulassung und den Sortenschutz von Pflanzen kümmert. Dort findet man alle zugelassene Obst- und Gemüsesorten, darunter auch einige alte Sorten.

Aufwendiges Zulassungsverfahren

Jede Sorte, die heute in den Handel gelangt, muss vom BSA offiziell zugelassen werden. Dies ist ein teurer und aufwendiger Prozess und lohnt meistens nur, wenn man Saatgut in großen Mengen herstellen und verkaufen möchte. Es gibt zwar Ausnahmeregelungen für traditionelle Sorten, doch auch viele Auflagen, die es deren Erhaltern – u.a. ökologisch orientierte Saatgutanbieter und Landwirte – schwermachen, sie im größeren Stil zu vermarkten. Daher bestimmen heute vor allem große Agrarkonzerne, was im Supermarkt erhältlich ist und was nicht. Doch damit geht eine kulinarische Vielfalt verloren, die Menschen über Jahrtausende geschaffen haben. So sind durch die Industrialisierung der Landwirtschaft seit Anfang des letzten Jahrhunderts weltweit etwa 75 Prozent aller Kulturpflanzensorten ausgestorben – in Europa sogar mehr als 90 Prozent! Nur noch ca. 30 Pflanzenarten decken heute den gesamten Welternährungsbedarf.

Hybrid vs. alte Sorte

Eine alte Kartoffelsorte gilt heute wieder als Delikatesse: Bamberger Hörnchen

Bamberger Hörnchen besitzen einen sehr feinen Geschmack (Foto: Alice Wiegand)

Heute sind die regionalen Obst- und Gemüsesorten von einigen wenigen, meist ertragreicheren Hybridzüchtungen nahezu verdrängt. Mit ihrem Hybridsaatgut, das in der Regel nur einmal verwendet werden kann, machen Agrarkonzerne wie Bayer, Monsanto und Syngenta inzwischen überall auf der Welt Landwirte von sich abhängig und kontrollieren fast zwei Drittel des weltweiten Saatgutmarktes. Dabei sprechen viele Argumente für die Verwendung alter Sorten: So haben sie sich über Generationen an die Bedingungen der jeweiligen Region angepasst, in der sie wachsen. Daher besitzen diese Ur-Sorten eine große genetische Vielfalt, was sie widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Klimawandel und Schädlinge macht, als ihre Hybridschwestern. Nicht zuletzt deshalb benötigen sie keinen Kunstdünger. Zudem sind alte Sorten meist gesünder, da sie eine höhere Anzahl an Vitaminen und Mineralstoffe aufweisen. Und besonders wichtig für Gärtner: Sie sind samenfest, können also im eigenen Garten selbst vermehrt oder über den Zaun getauscht werden.

Unglaubliche Vielfalt

Foto Popolon

Rund 10.000 verschiedene Tomatensorten gibt es auf der Welt. (Foto: Popolon)

Ein zentrales Argument für die Verwendung und Pflege traditioneller Sorten ist ihre unglaubliche Vielfalt, die für abwechslungsreiche Geschmackserlebnisse sorgt. So wurden allein von der Tomate seit ihrer Einführung in Europa mehr als 10.000 verschiedene Sorten gezüchtet. Es gibt wilde Tomaten, die nicht größer als Johannisbeeren sind, aber auch fleischige Sorten wie das „Ochsenherz“, das mehr als ein Kilo wiegen kann. Von der in Deutschland so beliebten Kartoffel existieren rund 5.500 unterschiedlichen Sorten, bspw. „Linda“, die durch tiefgelbes Knolleninnere auffällt, oder der „Reichskanzler“, eine mehlige Kartoffel mit fast weißem Fleisch. Je nach Sorte und Festigkeit eignen sich die verschiedenen Erdknollen ideal für unterschiedliche Gerichte.

Immer mehr Bauern, Gärtner und Saatguthersteller wehren sich inzwischen gegen die genormte industrielle Eintönigkeit und setzen vermehrt auf eigenes Saatgut und eigene Vertriebswege. Der Anbau und Kauf alter Sorten liefert jedoch nicht nur einen wichtigen Beitrag zu deren Erhalt, er ist auch ein politisches Statement. Denn auf diese Weise unterstützt man die regionale Vielfalt an Obst- und Gemüsesorten und die Vielfalt auf unseren Tellern.

 


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Auch ein verregneter Sonntag hat seine schönene Seiten. Gesehn bei der Pflanzentauschbörse auf dem Ginnheimer Kirchplatz.
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