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Mit Aktien die Landwirtschaft verändern

Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es eine gute Sache, sein Obst und Gemüse selbst zu ziehen. Eine komplette Versorgung aus dem eigenen Garten dürfte für die meisten von uns dennoch schwer zu erreichen sein – von tierischen Lebensmitteln ganz zu schweigen. Die Bürger AG für nachhaltiges Wirtschaften FrankfurtRheinMain  will vor diesem Hintergrund mit einem Beteiligungsmodell die biologische Landwirtschaft in der Region stärken. Wir haben uns mit Joerg Weber, dem Initiator und Vorstand, über die Ziele des Unternehmens und die Vereinbarkeit von Kapitalanlage und sozialem wie umweltverträglichem Handeln unterhalten.

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Gemüsevielfalt, die Lust auf mehr macht. Bildquelle: © berggeist007 / PIXELIO

Frankfurter Beete: Der Wunsch, als Verbraucher mehr Einfluss auf die Erzeugung seiner Nahrungsmittel zu gewinnen, ist allerorts zu beobachten. Kleingärten sind wieder gefragt. Man kann sich ein Stück Acker beim Bauern pachten oder per Gemüsekiste seine Lebensmittel direkt vom Erzeuger beziehen. Die Bürger AG geht einen anderen Weg. Sie will Bürger zu Anteilseignern machen und so die vorhandenen Strukturen ändern. Warum?

Weber: Weil wir glauben, dass wirtschaften wie bisher keine Zukunftsoption ist. Wir haben 2011 die Bürger AG mit dem Ziel gegründet, uns hier, im Rhein-Main-Gebiet, für die nachhaltige Erzeugung biologischer Lebensmittel starkzumachen. Dabei geht es uns um die Landwirtschaft im engeren Sinn, aber auch um eine Verbesserung der regionalen Verwertungskette vom Erzeuger bis zum Verbraucher. Außerdem unterstützen wir den Ausbau einer dezentralen Energieversorgung. Dazu braucht es neben guten Ideen und persönlichem Engagement auch Kapital. Unsere Idee ist es, diesen Wandel in der Region durch eine finanzielle Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen voranzutreiben.

Frankfurter Beete: Aktiengesellschaft ist natürlich ein Begriff, bei dem viele erst einmal zusammenzucken, zumal es um Nahrungsmittel geht. Was unterscheidet das Geschäftsmodell der Bürger AG von einer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Bank?

Weber: Zunächst sind wir keine Bank, wir gehen Beteiligungen ein, das Eigenkapital für die Unternehmen darstellt. Uns geht es auch nicht um maximale Rendite. In unserem Leitbild haben wir einen ökologisch verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen, die artgerechte Haltung von Tieren und nicht zuletzt faire Preise für die Erzeuger als zentrale Werte definiert. Mit einer solchen Festlegung lassen sich keine Spekulationsgewinne erwirtschaften. In der Finanzbranche würde man unser Geschäftsmodell, das mit Renditen zwischen einem und drei Prozent rechnet, nicht umsetzen.

J…RG WEBER / BŸrger AG fŸr nachhaltiges Wirtschaften FrankfurtRheinMain 19.12.2012

Joerg Weber ist gelernter Banker mit einem Abschluss zum genossenschaftlichen Bankbetriebswirt. Er unterstützte die Gründung der Ökobank e.G. und arbeitete die ersten 7 Jahre dort. Später war er am Aufbau verschiedener ökologischer und kultureller Projekte in der Region beteiligt. Seit Oktober 2011 leitet er als Vorstand die von ihm mit initiierte ‚Bürger AG für nachhaltiges Wirtschaften in FrankfurtRheinMain‘.

[Anm. d. Red.] Die Bürger AG hat sich, um spekulativen Interessen vorzubeugen, für die Ausgabe vinkulierter Namensaktien entschieden. Ihre Anteilsscheine werden nicht an der Börse gehandelt. Mehr zum Finanzierungsmodell der Bürger AG.

Frankfurter Beete: Gerade für die Landwirtschaft gibt es ja eine Menge Finanzhilfen. Warum wird die Bürger AG als Partner und Kapitalgeber gebraucht? Und von wem?

Weber: Das System der landwirtschaftlichen Finanzhilfen ist kompliziert und zu Recht umstritten, weil kleine und mittelständische Betriebe mit ökologischer Ausrichtung häufig durch das Vergaberaster fallen. Unser Vorteil besteht darin, dass wir bewusst Projekte auswählen und fördern können, die aus unserer Sicht eine Vorbildfunktion für die regionale Erzeugung und Vermarktung biologischer Lebensmittel haben.

Frankfurter Beete: Was könnte ein solches Projekt sein? Und welche Maßstäbe legen Sie bei der Auswahl an?

Weber: Entscheidend ist für uns die langfristige Sinnhaftigkeit der Geldanlage. Wir wollen einen echten strukturellen Mehrwert für die Region schaffen. Das können Beteiligungen an Investitionsvorhaben ausgewiesener Biobetriebe sein, wobei wir auf eine Zertifizierung nach Bioland, Biokreis, Gäa, Demeter oder Naturland Wert legen. Wir würden aber auch einen konventionellen Hof auf dem Weg in den ökologischen Landbau unterstützen, wenn uns das Konzept überzeugt oder ein junger Bauer den Hof übernimmt. Derzeit führen wir Gespräche zu Beteiligungen bei Projekten wie der Saatguthalle am Dottenfelderhof oder dem Umbau der Biobäckerei des Hofgut Fleckenbühl.

Frankfurter Beete: Sie haben ihren Aktionsradius bewusst auf den Großraum Frankfurt mit einer maximalen Entfernung von 150 Kilometern beschränkt. Wie wichtig ist die räumliche Nähe? Und wie eng werden finanzierte Projekte von Ihnen begleitet?

Weber: Transparenz ist ganz zentral für das Konzept der Bürger AG. Dazu gehört beispielsweise, dass Anteilseigner jederzeit nachschauen können, wo und wie ihr Kapital investiert ist, und das nicht nur in Form der üblichen Finanzberichte, sondern ganz konkret, indem sie die Höfe im Frankfurter Umland besuchen. Außerdem sehen wir uns nicht als passive Teilhaber, sondern unterstützen unsere Partnerprojekte, indem wir unser Wissen einbringen, die Öffentlichkeit zum Thema ökologischer Landbau sensibilisieren und Akteure miteinander vernetzen, wo es passt.

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Artgerechte Tierhaltung ist ein entscheidendes Auswahlkriterium für Investitionen der Bürger AG. Bildquelle: © Rainer Sturm / PIXELIO

Frankfurter Beete: Die Bankenaufsicht BaFin prüft derzeit, ob das Wertpapierprospekt alle formalen Anforderungen erfüllt. Sie rechnen in Kürze mit der Genehmigung und können dann die ersten Anteilsscheine ausgeben. Wie sehen die Pläne für 2014 aus?

Weber: Wir hatten, ehrlich gesagt, schon früher mit der Freigabe durch die BaFin gerechnet, aber nun sieht es so aus, dass wir in 2014 durchstarten können. Die letzten Monate haben wir genutzt, um unsere Idee vom ökologischen Umbau in der Region zu erklären und geeignete Projekte zu identifizieren. Und es gibt bereits eine Liste von Interessenten, die mit uns darauf warten, dass die Anteilsscheine der Bürger AG gezeichnet werden können. Wir schauen also voller Spannung und Vorfreude ins noch junge Jahr!

Update: Inzwischen hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht das Wertpapierprospekt der Bürger AG bewilligt. Ab März 2014 können die Aktien gezeichnet werden.


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Auch ein verregneter Sonntag hat seine schönene Seiten. Gesehn bei der Pflanzentauschbörse auf dem Ginnheimer Kirchplatz.
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