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Gartenszene

Das Recht auf Grün

Am Wochenende besuchten wir Leipzig und waren angenehm überrascht von den schönen Grün- und Gartenanlagen. Letztere besitzen ja eine gewisse Tradition in der Messestadt, denn hier nahm die Schrebergartenbewegung ihren Anfang. Ein Besuch des dortigen Kleingärtnermuseums war daher natürlich Pflicht. Als noch spannender erwies sich allerdings eine Ausstellung zum Thema Urban Gardening in der Galerie für Zeitgenössische Kunst.

Das erste, was uns in Leipzig auffiel, waren die breiteren Straßen. Im Gegensatz zu Frankfurt, das sich in den zentrumnahen Stadtteilen durch enge Einbahnstraßen und Gassen auszeichnet, hat man in Leipzig einfach mehr Platz. Das scheint nicht zuletzt der DDR-Vergangenheit geschuldet zu sein, wo repräsentative Prachtstraßen ja eine wichtige Rolle gespielt haben. Aber auch die Seitenstraßen und Grünanlagen sind großzügiger angelegt als in Frankfurt. Nach einem ausgiebigen Bummel im zentrumnahen Johanna-Park besuchten wir am Sonntagvormittag „Hands-on Urbanism 1850-2012: Vom Recht auf Grün“ in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, eine Wanderausstellung des Architekturzentrums Wien.

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Das Ma Shi Po Village in Hongkong (© Shu-Mei Huang)

Urban Gardening – eine weltweite Bewegung

Die Ausstellung, die noch bis zum 8. September läuft, beschreibt sehr anschaulich die Ideengeschichte der Landnahme im urbanen Raum. Die Kuratorin Elke Grasny hat mehrere Jahre historische und aktuelle Fallbeispiele für die urbane Gartenbewegung recherchiert. Herausgekommen ist eine beeindruckende Übersicht über die weltweite Urban Gardening-Bewegung, die ihre Anfänge bereits im 19. Jahrhundert mit der Schrebergartenbewegung in Leipzig genommen hat. An 15 chronologisch geordneten Stationen werden Projekte gezeigt, die von der durchorganisierten Landwirtschaft in Havanna über interkulturelle Community Gardens in europäischen Städten bis hin zu globalisiertem Guerilla Gardening reichen. Historisch interessant waren auch Beispiele aus Deutschland und Österreich. Hier wird deutlich, wie früh bereits das Thema im deutschsprachigen Raum Relevanz besaß, so z.B. bei der selbst organisierten Besiedlung von Gartenanlagen mit Subsistenzwirtschaft in Bremen nach dem 2. Weltkrieg oder in der Wiener Siedlerbewegung ab 1918.

Neben den Ursprüngen der heutigen Urban Gardening-Bewegung im New York der 1970er Jahre (Bowery-Houston Community Farm  Garden) fand ich auch ein Beispiel aus Hong-Kong interessant, das besonders anschaulich und aktuell die politische Dimension der Bewegung zeigt. Dort werden von Dorfbewohnern der Umgebung, aber auch engagierten Städtern ungenutzte Brachflächen im Umland der Metropole landwirtschaftlich genutzt und Cottages aus Recycling-Materialien errichtet. Damit konnte bislang verhindert werden, dass die von Spekulanten bewusst vernachlässigten Flächen als neues Bauland für weitere Wolkenkratzer dienen (siehe Artikel zu Ma Shi Po Village).

Schrebergärten oder Back to the Roots

Als Kontrastprogramm zur für uns hochaktuellen Ausstellung in der Galerie für Zeitgenössische Kunst statteten wir im Anschluss dem Deutschen Kleingärtnermuseum in der Aachener Straße einen Besuch ab. In den etwas engen Räumen des kleinen Museums erhielten wir einen guten Überblick von den Anfängen der Kleingartenbewegung über deren Funktion in der Kaiserzeit und im 3. Reich bis hin zur Nachkriegszeit unter dem DDR-Regime: So richteten bereits ab den 1820er Jahren Kommunen Armengärten für die Unterprivilegierten ein. Es folgten sogenannte Fabrikgärten und Eisenbahngärten, die reiche Industrielle und die Deutsche Reichsbahn ihren Arbeitern und Angestellten zur Verfügung stellten. 1864 entstand schließlich das Vereinshaus des ersten Schrebervereins, der von Dr. Schreber gegründet wurde. In ihm befindet sich heute das Kleingartenmuseum. Lange Zeit verstanden sich die Schrebergärten übrigens auch als Bildungs- und Erziehungsvereine für die Stadtkinder.

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Dr. Schreber als Pappkamerad plus frühe Gartenregeln. Gesehen in der Außenanlage des Leipziger Kleingartenmuseums

Interessant war für mich auch der politische Ansatz. Die Vereinsgründungen hatten oftmals den Sinn, sich gegen Mietwucher der Verpächter zu schützen, so zum Beispiel in Berlin, wo die Schrebergärten (Berliner Laubenkolonisten) in der Zeit der Industrialisierung eine wichtige Bedeutung als Nahrungsquelle für die arme Bevölkerung besaßen. Interessant war daher auch ein Spaziergang auf dem Gelände des Vereins. Hier konnten wir die Prototypen der ersten Gartenhütten aus dem 19. Jahrhundert bestaunen. Die ordentlich angelegten Kleingärten stammen noch aus dem vorletzten Jahrhundert und machen deutlich, dass sie mit ihren quadratischen Parzellen und geradlinigen Wegesystemen immer noch als Blaupause für heutige Kleingartenanlagen dienen.

Durch die Besichtigung beider Ausstellungen an einem Tag konnte ich die Unterschiede zwischen der heutigen Urban Gardening-Bewegung und der Entstehung der Schrebergärten besser verstehen. So war letztere in den Anfängen eher ein Instrument der Herrschenden, um für die arme Bevölkerung eine gewisse Selbstversorgung mit Obst und Gemüse zu gewährleisten und die Arbeiterschaft gesund zu erhalten. Die moderne Urban Gardening-Bewegung entstand dagegen vermehrt aus Bürgerinitiativen, die kritisch gegenüber den jeweils herrschenden Systemen eingestellt waren. Das gemeinsame Bewirtschaften erfolgt hier auf freiwilliger Basis und ist nicht an strenge Vereinsregeln gebunden. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass auch die Schrebergärten schon immer einen wichtigen Freiraum für die Bürger darstellten und einen gewissen Schutz vor staatlichem Zugriff boten. So konnte ich im Kleingartenmuseum nachlesen, dass sich der jüdische Showmaster Hans Rosenthal (Dalli Dalli) in einem Berliner Schrebergarten zwei Jahre (!) erfolgreich vor den Nazischergen versteckte – nicht zuletzt durch aktive Hilfe von drei nichtjüdischen Berlinerinnen.


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Auch ein verregneter Sonntag hat seine schönene Seiten. Gesehn bei der Pflanzentauschbörse auf dem Ginnheimer Kirchplatz.
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